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Erstes Estradenhaus
Text von Prof. Angelika Schnell
Das siebengeschossige Estradenhaus in Berlin-Prenzlauer Berg (zehn Wohnungen nebst zwei Büros und einem Laden) hat Wolfram Popp in eigener Initiative realisiert und damit die mittlerweile eingebürgerte Auffassung, im Wohnen gäbe es nichts mehr zu entwickeln, widerlegt. Da Wolfram Popp sich dazu bekennt, von innen nach außen zu entwerfen, stand die Idee des Wohnens bei diesem Projekt zentral.
Zwei Wohnungen auf jedem Geschoß, die eine 108 qm, die andere 79 qm, bestehen jeweils aus einem Einraum und einer Servicezone, die die volle Tiefe einnehmen. Doch sind beide einerseits miteinander und andererseits zum Außen so raffiniert korreliert, daß die ganze Wohnung zu einer gelungenen Mischung aus Großzügigkeit, Komfort und Rückzugs-bereichen wird. Wolfram Popp baut keine geschlossenen Räume, sondern Bereiche, deren Ränder offen und beweglich sind, so daß man eine Vielzahl von Optionen ihrer Nutzung hat.
Zwei Elemente bestimmen dieses Verhältnis. Zum einen die namengebenden Estraden an Vorder- und Rückseite, eine jeweils 40 cm große und 1,80 m tiefe Erhöhung über die ganze Breite der Wohnung, die als besondere Plattform und Raumzone zugleich als privater und vermittelnder Bereich zwischen innen und außen genutzt werden kann, insbesondere wenn die raumhohen Fenstertüren, die um 180° drehbar sind, geöffnet sind, so daß Estrade und Balkon zusammen eine großzügige Loggia bilden. Der Eindruck des Entrücktseins von Alltags-sorgen wird noch durch die Tatsache verstärkt, daß dort, wo die Estrade beginnt, auch die Decke um 40 cm in der Höhe verspringt. Die oberen Fensterrahmen sind nicht mehr sichtbar, der Blick wird nach oben und in die Weite gelenkt, außerdem fällt dadurch mehr Licht in die Wohnungen. Die Balkonbrüstung setzt dieses Motiv fort. Sie besteht aus einem feinmaschigen Stahl-gewebe, das abhängig von Licht- und Windverhältnissen flimmernde Effekte hervorruft und wie durch einen Schleier die Durchsicht von innen erlaubt. Zugleich verhindert sie Einblick von außen.
Das zweite wesentliche raumbildende Element ist die über die ganze Tiefe reichende „Kiemenwand“, die den Raum vom Servicebereich trennt. Sie besteht aus zwölf raumhohen, mit Erlenholz furnierten Holzplatten, die oben an zwei, unten an einer Schiene laufen und sich deshalb ohne zu verklemmen sowohl schieben als auch drehen lassen. Durch diese „Kiemen“ kann der Raum je nach Bedürfnissen orchestriert werden. Küche und Bad können offener Bestandteil der Wohnung sein oder auch nicht, der Eingang kann zur kleinen Halle werden oder ganz verschwinden, kleine Nischen für Schränke können entstehen oder auch nur glatte Flächen, und natürlich sind sämtliche Zwischenlösungen oder Kombinationen davon wählbar. Es versteht sich von selbst, daß diese "Wand" genau wie die meisten Einbauten und konstruktiven Details eine Erfindung von Wolfram Popp ist. Bis auf die Stahlbetonkonstruktion und die Fertigteildecken aus Sichtbeton gibt es nur eigens entwickelte Prototypen, die von der Sanitärinstallation bis zu den großen Eingangstüren reichen, welche nicht aufschlagen, sondern geschoben werden. Dennoch wirkt nichts übertrieben gestaltet. Vom kleinsten Detail bis zum Konzept ist alles auf Zweckmäßigkeit und Komfort ausgelegt.
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